Verhaltensstörungen bei Pferden

Besonderheiten des Pferdelebens, wie es unter natürlichen Bedingungen gelebt werden kann, fehlen dem aufgestallten Pferd. Insbesondere das Leben im Sozialverband und die unbegrenzte Zeit des Grasens. Der Wegfall dieser Gegebenheiten, kann zu Aktionen und Reaktionen bei Pferden führen, die aus der Sicht des Menschen unerwünscht sind.

Verhaltensabläufe lassen sich in zwei Kategorien einteilen:

Solche, die dem Menschen als »normal« und erwünscht erscheinen und

solche, die dem Menschen als »nicht normal« und unerwünscht erscheinen.

Der Mensch versucht, bei den Pferden durch züchterische Selektion und durch direkte Einwirkungen wie

- Ausbildung, -Training, - Haltung

erwünschte Reaktionen hervorzubringen. Wenn diese im Rahmen der arttypischen Möglichkeiten der Pferde und des Individuums bleiben, gelingen den Tieren die Anpassung, die Erfüllung der Aufgaben, wobei dass immer Anpassung des Pferdes bedeutet. Geht das menschliche Bestreben über das Anpassungsvermögen des Pferdes hinaus oder ist der Mensch unfähig, auf die arttypischen Anforderungen einzugehen, erfolgen seitens des Tieres schadensvermeidende Reaktionen, die vom Menschen dann fälschlicherweise als Verhaltensstörungen bezeichnet werden. Wenn man aus dieser Sicht den Begriff „Untugenden des Pferdes" betrachtet, dann ergibt sich eine Unterteilung in zwei Kategorien, nämlich: Echte Verhaltensstörungen mit Schadensfolge für die Tiere und Schadensvermeidende Reaktionen im Sinne von Anpassung an ihre Haltung und die Einwirkung von Menschen. Verhaltensstörungen sind Koppen, Weben, Sich-nicht-Legen usw. Schadensvermeidende Reaktionen Scheuen, Stätigkeit, Bösartigkeit usw.

Verhaltensstörungen

Koppen

Beim Koppen schlucken die Pferde mit oder ohne Geräusch Luft ab. Dies geschieht in den meisten Fällen, indem die oberen Schneidezähne auf waagerechte Teile der Stalleinrichtung oder Koppel aufgesetzt werden. Man spricht dann vom

Aufsatzkopper.

In viel selteneren Fällen geschieht dies ohne Aufsetzung der oberen Schneidezähne, beim sog. Freikoppen. Dieses Luftabschlucken(Koppen) führt zu Gasansammlungen in Magen und Darm und kann zu Koliken, mangelhafter Futterverwertung und Entwicklungsstörungen bei Fohlen führen. . Falls das Aufsetzen der oberen Schneidezähne auf Metallteilen oder anderen harten Materialien erfolgt, kommt es zu starker Abnutzung der Schneidezähne, was zu vorzeitigem Zahnverlust führen kann. Neben den typischen Erscheinungsbildern des Koppens gibt es noch andere: Spielen mit der Zunge außerhalb oder innerhalb der Mundhöhle, begleitet von Saugbewegungen. Als auslösende Ursachen sind Entbehrung, Entzug oder Isolation von etwas Vertrautem, Verlust, Mangel, ungenügende Beschäftigung, Fütterungsfehler , mangelhaftes Stallklima und Ausbildungsfehler anzusehen Die Behauptung, das Koppen würde von Stallgenossen durch Lernen übernommen. ist nicht zu bestätigen. Bei Aufsatzkoppern muss darauf geachtet werden, dass im Stall und auf der Weide keine Aufsatzmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Als unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg muss tägliche intensive Beschäftigung des Pferdes sichergestellt sein. Nur wenige Pferdebesitzer zeigen Bereitschaft für den erforderlichen Aufwand.

Schlagen an die Boxenwände und Scharren

Durch die Häufigkeit solcher Aktionen können Schäden an den Extremitäten auftreten. Auslöser können Beginn der Fütterung und Heraus- oder Hereinführen von Stallgefährten sein. Sie werden als Bettelhandlungen entwickelt, wenn Betreuer oder Besucher den Fehler machen, dieses Verhalten durch Futterbelohnung zu intensivieren. Um die Verhaltensstörungen abzubauen oder gar nicht erst auszulösen, muss entsprechende Erziehungsarbeit bei den "Tierliebhabern" geleistet werden.

Beißen in die Gitter

Dieses Verhalten tritt bei Erregungszuständen besonders unmittelbar vor der Fütterung auf. Dabei kann es zu starker Abnutzung der Schneidezähne und eventuell zu vorzeitigem Zahnverlust kommen. Zahnfleischentzündungen. können auftreten. Die Er- regungszustände treten auf, weil solche Pferde nicht - wie in der Gruppenhaltung- ihren Sozialtrieb durch Auseinandersetzung mit den Artgenossen abreagieren können. Die Aktionen werden deshalb auf ein Ersatzobjekt gerichtet. Um dieses Erscheinungsbild abzubauen, müssen solche Pferde entweder im Stall umgestellt oder aber der Fütterungsablauf muss entsprechend geändert werden.

Weben

Beim Weben steht das Pferd mit leicht gespreizten Vorderbeinen und pendelt über Zeiträume mit Kopf und Hals rhythmisch von einer Seite zur anderen. In extremen Fällen führt das Pferd regelmäßig nickende, Bewegungen an den Wendepunkten aus. Je nach Größe des Ausschlagens schwingt der Vorderkörper mehr oder weniger weit mit. Die Vorderbeine bleiben entweder am Boden oder werden wechselseitig angehoben. Aktuelle Auslöser des Webens können sich wiederholende Vorgänge im Stall, wie Fütterung oder Herausführen von Stallgenossen und dergleichen sein. Das Weben kann als Ersatzhandlung betrachtet werden, die durch unzureichende Fortbewegung verursacht wird. Es ist davon auszugehen, dass bei besonders exzessivem Weben Schäden im Vorhandbereich nicht auszuschließen sind. Strafen als »Therapie«, wie Fixieren, Anschreien und Prügeln, bringt nichts, deshalb ist bei langjährigen Webern in der Regel eine Umstellung ihres Verhaltens kaum mehr möglich. Ansonsten, kann intensive Fortbewegung, sei es durch Arbeit, Weidegang zusammen mit Artgenossen oder Gruppenhaltung mit Auslauf, zum Abklingen dieser Verhaltensstörung führen.

Boxenlaufen

Kann auch bei einzeln im Auslauf gehaltenen Pferden auftreten, falls sie zu wenig beschäftigt sind und ihnen kein Kontakt zuArtgenossen ermöglicht wird. Die Fortbewegung erfolgt dann stundenlang im Schritt nach einem stets gleichen Muster, das am deutlich ausgetretenen Wechsel oder Trampelpfad zu erkennen ist.

Sich-nicht-Legen

Wenn ein Pferd sich über einen längeren Zeitraum, d. h. über mehrere Tage nicht legt kann das zweierlei Ursachen haben. Pferde sind gemäß ihrer Körper- und Verhaltensausstattung hochspezialisierte Fluchttiere. So kann es sein, dass ein Pferd sich deshalb nichtlegt, weil es mit seiner Umgebung nicht vertraut ist. Vor allem ältere Pferde legen sich erst dann, wenn sie sich absolut sicher fühlen, auch legen sie sich in Gesellschaft von Artgenossen eher, als wenn sie einzeln gehalten werden. Das Hinlegen kann auch deshalb nicht erfolgen, weil der unterer Teil der Box geschlossen ist, die Pferde dadurch bei Liegen keinen Kontakt zur Umwelt haben oder das Raumangebot für die Bewegungsabläufe beim Legen, Liegen und Aufstehen zu knapp sind. Auch die Einstreu kann Ursache des Nichtlegens sein. Wenn das Ruhen im Liegen über einen längeren Zeitraum verhindert wird, kann das trotz der besonderen anatomischen Eigenschaften des Pferdes schädliche Auswirkungen auf den Organismus haben. Die Regeneration ist durch Ruhen im Stehen allein nicht sichergestellt.

Schaden vermeidende Reaktionen

Scheuen

Das Scheuen ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass Pferde hochspezialisierte Fluchttiere sind. Pferde scheuen, wenn ein Gegenstand oder eine Situation für sie gefährlich erscheint. Diese Reaktion dient zwar der Schadensvermeidung. Sie bringt aber Pferde sehr häufig erst recht in Gefahr, falls es ihnen gelingt, in wilder Panik davonzustürmen, und sie dabei erneut in gefährliche Situationen geraten. Als sinnvoll und wirklich schadensvermeidend hat sich dieses arttypische Verhalten im ursprünglichen Lebensraum auf Steppe und Savanne entwicklungsgeschichtlich bewährt. Erst die durch den Menschen geschaffene Umgebung wird im Falle der Panik zur Gefahrenquelle. Das Scheuen ist ein Ergebnis des Erkundens der Umwelt mittels der Sinnesorgane des Pferdes und wird durch verschiedenste Reize ausgelöst, es kann durch die Schaffung einer pferdegemäßen Haltungs- und Nutzungsumwelt, durch fachgerechte Ausbildung und Nutzung und insbesondere durch den Aufbau einer stabilen Vertrauensbasis zwischen Mensch und Pferd verhindert werden

Bösartigkeit

Böse im menschlichem Sinne ist auf Pferde nicht übertragbar. »Bösartiges« Verhalten von Pferden gegenüber dem Menschen - Beißen, Schlagen, An-die-Wand-Drücken und dergleichen sind für das Pferd eine schadensvermeidende Reaktion. Sie entsteht auf Grund fehlerhaften Umgangs mit dem Pferd, infolge fehlerhafter Ausbildung oder Nutzung Allerdings neigen bestimmte Pferde infolge fehlerhaften Umgangs mit ihnen „bösartig" zu reagieren. Es sind meist Pferde, die gute Anlagen im Sinne von Hochleistung besitzen. Sie reagieren empfindlicher auf menschliches Fehlverhalten als Durchschnittspferde. Wenn Pferde zu Beißern oder Schlägern, d. h. zu sogenannten „Verbrechern" geworden sind, bedarf es dann eines besonderen Einfühlungsvermögens des Betreuers, bei solchen »verdorbenen« Pferden ein solides Vertrauensverhältnis aufzubauen, um bei den Pferden ein mögliches Vergessen der sie prägenden Ereignisse zu ermöglichen, so dass derartige Tiere nicht ständig genötigt sind, zu beißen und zu schlagen, um Schaden von sich fernzuhalten.

Zungenstrecken

Als Zungenstrecken wird die Zunge des Pferdes zeitweilig oder dauernd aus der Mundhöhle herausgestreckt wird oder heraushängt. . Zungenstrecken ist letztendlich durch die fehlerhafte Anwendung des Gebisses bei oft harter Reiterhand bedingt. Bei zeitigem Erkennen kann durch Abstellen der Ursachen möglicherweise noch eine Änderung herbeigeführt werden.

Stätigkeit

Alle Formen der Stätigkeit sind von ihrer Entstehung her als schadensvermeidende Reaktionen anzusehen, die vom Ausbilder oder vom Benutzer nicht frühzeitig erkannt und abgestellt wurden und deswegen oft zeitlebens andauern. Ausnahmen könnten habituell, genetisch oder krankheitsbedingt sein. Für viele Menschen, die mit Pferden Umgang haben, werden solche Verhaltensformen auch gar nicht als durch sie selbst verursacht erkannt, sondern als „bewusste" Widersetzlichkeit« angesehen.

Allgemein

Stätigkeit beim Verladen und beim Transport, Sich-nicht-anbinden-Lassen, Kopfscheu, - Widersetzlichkeit beim Beschlagen Kleben, Steigen

Reiten

Stätigkeit beim Einzelreiten, Sattelzwang, Reitstätigkeit

Fahren

Strangschlagen, Leinefangen, Mangelhafte Zugfestigkeit, Durchgehen, Faulheit. Echte Verhaltensstörungen mit Schadensfolge für die Pferde und schadensvermeidende Reaktionen der Pferde sind durch die Einwirkung von Menschen hervorgerufen, bedingt durch Fehler bei der Haltung und Nutzung von Pferden.

 

 

 
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